Queerness in Fantasy-Büchern
Auch zwischen dem Auenland und Mordor wird geliebt. Hobbits, Elfen und Zwerge gehen auf Abenteuerreise oder verteidigen ihre Länder vor dem sprichwörtlichen Bösen. Zweifellos ist "Der Herr der Ringe" ein fantastisches Meisterwerk und ein Paradebeispiel für die Fantasy. Bei der Vielfalt an Spezies habe ich auch lange nicht bemerkt, dass mir etwas fehlt. Queere Figuren. Schauen wir uns das doch mal genauer an!
Braucht das Genre Fantasy überhaupt queere Figuren?
Ich stelle hier mal eine provokante These: Wenn queere Menschen so lange immer mit Hetero-Figuren auf Abenteuerreise gehen mussten, sollten Hetero-Menschen auch mal mit queeren Figuren losziehen, um den Ring in den Schicksalsberg zu schmeißen.
Ich hasse es, solche Unterteilungen zu machen. Fakt ist aber, dass unsere Gesellschaften mit diesen Unterteilungen arbeiten und so aktiv Menschen ausschließen, die anders sind. Dabei ist Liebe letztendlich immer Liebe, egal wie das am Ende aussieht – ob eine Frau einen Mann liebt, ob zwei Männer sich lieben oder ob ein Transmann mit einer asexuellen Person zusammen ist.
Aber ich weiß, für viele ist es unbequem, die eigene kleine gemütliche Blase zu verlassen (an manchen Tagen ist das für mich auch schwierig). Trotzdem ist es wichtig, andere Lebensrealitäten anzuerkennen. Denn es gibt sie und wird sie immer geben. Schon der eigene Nachbar lebt ein komplett anderes Leben als man selbst. Das ist okay!
Und deshalb braucht es queere Figuren auch in Geschichten.
LGBTQIA+... was ist das?
Ein echter Zungenbrecher. Mir fällt es schwer, LGBTQIA+ auszusprechen. Entweder vergesse ich was oder ich verdrehe die Buchstaben. Aber schauen wir uns mal kurz an, wer alles zu dieser Community gehört.
L → Lesben
G → Schwule (Gay)
B → Bisexuelle
T → Transgenderpersonen
Q → Queere
I → Intersexuelle
A → Asexuelle
+ → alle weiteren Identitäten
Ich benutze am liebsten den Begriff "queer" für den gesamten Regenbogen, weil es für mich einfacher zu verwenden ist (auch wenn es vielleicht nicht 100%ig korrekt ist). Queer ist für mich ein Begriff, der für alle steht, die nicht klassisch hetero sind.
Hetero... nicht Hetero... spielt das eine Rolle?
Eigentlich sollte es keine Rolle spielen. Aber leider leben wir in einer Welt, in der alle, die nicht der sogenannten Norm entsprechen, die seit Jahrtausenden von wenigen Mächtigen geprägt wird, ausgeschlossen werden. Im schlimmsten Fall müssen queere Menschen um ihr Leben fürchten. Und das sollte nicht so sein!
Geschichten können zeigen, wie man es anders machen kann, besser. Oder sie drücken den Finger in die blutende Wunden, um auf ein Problem aufmerksam zu machen.
Wer nicht sichtbar ist, existiert nicht!
Lange Zeit wurden in vielen Gesellschaften queere Menschen systematisch unterdrückt. Sie wurden gezwungen, einen wichtigen Teil ihrer Identität zu verstecken, damit sie nicht um ihr Leben fürchten müssen. Und somit wurden sie auch unsichtbar gemacht. Was wir Menschen nicht sehen, existiert in unseren Köpfen nicht. Darum ist es so wichtig, Lebensrealitäten sichtbar zu machen.
Und in Fantasy-Büchern geht das wunderbar. Denn uns stehen tausende Welten offen, um Sichtbarkeit zu erschaffen, um eigene Erfahrungen von Diskriminierung zu zeigen und um neue Wege zu öffnen für ein wertschätzendes Miteinander.
Diese Sichtbarkeit ist jedoch kein Holzhammer. Denn niemand mag es, belehrt zu werden. Ein Fantasy-Buch ist ein Angebot, sich auf etwas Neues einzulassen. Genau darum liebe ich die Fantasy so sehr.
Aus der Nische in die große Welt
Lange Zeit habe ich selbst nicht einmal bemerkt, was mir in Fantasy-Büchern fehlt. Warum? Weil ich mir den fehlenden Teil aus Mangas geholt habe. Dort gibt es schon sehr lange eine große Ecke mit queeren Geschichten.
Wobei die Boys-Love-Sparte deutlich umfangreicher ist als die Girls-Love-Sparte. Ansonsten habe ich auch Fanfictions gelesen (und selbst geschrieben). Diese Geschichten sind Alternativen zu den originalen Werken. Darin erschaffen Fans andere Realitäten für die Figuren, beispielsweise kann sich Legolas in Gimli verlieben. So finden sich queere Menschen wieder und Neugierige entdecken etwas Anderes.
Seit wenigen Jahren werden die ersten chinesischen Boys-Love-Novels ins Deutsche übersetzt, die oft auch zur Fantasy zählen. Erst hat sich ein typischer Manga-Verlag die Lizenzen gesichert. Und diese Fantasy-Geschichten stoßen auf großes Interesse. Das hat jetzt auch ein Publikumsverlag gemerkt und ist auf den Zug aufgesprungen.
Zuerst waren es die Kleinverlage und Selfpublisher, die mutig vorangegangen sind, jetzt experimentiert endlich ein großer Verlag – Knaur. Queere Fantasy kommt langsam aus der Nische. Und das feiere ich so sehr, weil ich jetzt geschriebene Geschichten mit queerer Repräsentation lesen kann. Solche Geschichten braucht das Genre dringend.
An diesen Veränderungen sehe ich klar, dass es eine Entwicklung gibt. Verschiedene Lebensrealitäten werden sichtbar gemacht. Weiter so!
Vielfalt in der Fantasy: in alle Richtungen
Für mich ist das Genre Fantasy das freieste Genre von allen. Autoren erschaffen geheime Parallelgesellschaften oder ganz neue Welten. Und warum sollten diese dann bei den Figuren-Identitäten limitiert werden?
Ich gehe so weit und sage: Wer Fantasy liest, sucht etwas anderes – andere Blickwinkel, neue Gedanken, Inspiration, vielleicht auch eine Utopie oder aber einen Schock. Jedenfalls ich möchte das. Denn mir ist die Welt, wie sie ist, oft zu eingeschränkt durch die Grenzen, die Menschen sich selbst setzen. Um zum "Herrn der Ringe" zurückzukommen... lassen wir doch in neuen Geschichten queere Helden die Welt vor dem Bösen retten (oder grandios untergehen). Denn die können das genauso gut!
13.07.2025
Aria Rauh | Fantasy-Autorin